Holocaustprojekt

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Hier wird der Schlussbericht des internationalen Holocaustprojektes aus dem Jahre 1997 dokumentiert.

Inhaltsverzeichnis

Organisation

Die Organisation der internationalen Seite des Projektes lag bei dem Mozaik College in Arnheim und dort in den Händen von Herrn Wim Huijbrechts. Er koordinierte die Vorbereitungen für das Treffen in Arnheim im Oktober 1997 und brachte uns in Moers in den bereits bestehenden Zusammenhang der Partnerschaft mit Croydon (vgl. meinen Bericht vom 28.04.1997).

Ich traf ihn und die Englische Kolleginnen und Kollegen erstmals im Februar 1997 in Herrn Huijbrechts Haus in Arnheim und im "Niederländischen Kriegs-und Wiederstandsmuseum" in Overloon. Bei diesem Treffen wurde im Groben der Rahmen für das weitere Vorgehen abgesprochen; insbesondere der Termin für den Herbst, das wünschenswerte Pogramm für das Treffen (Besichtigungen, Gesprächskreise, Geselligkeit) sowie die Umrisse der Finanzierung (Quellen, Eigenbeitrag, Lastenverteilung für gemeinsame Aufgaben wie Erstellung des Booklets, Ausstellung, Video-Tagebuch) und die Aufgabenverteilung.

Bei diesem Treffen fand ich meinen Ansprechpartner in England, Mr. Don Garman vom Schools Advisory Service in Croydon, der mit einigen Lehrerinnen der Archbishop Tenisons School das Projekt dort betreute. Ich konnte dort unser Arbeitsgebiet vorstellen, mit dem ich versuchte, den internationalen Aspekt des Projektes mit dem Thema zu verknüpfen: "Die Niederlande und Großbritannien als Exil für deutsche Flüchtlinge 1933-1945".

In der folgenden Zeit entwickelte sich eine rege Korrespondenz zwischen den Beteiligten, die meist mit dem bequemen Medium des Faksimilebriefes bewältigt wurde. Auf diesem Wege wurden fast alle Details geklärt. Erst im September kam es zu einem weiteren Treffen mit den Niederländischen Partnern in Kleve, wo die letzte Einzelheiten betreffend Delegationsgrößen, Unterbringung, Verpflegung und Pogrammgestaltung geklärt wurden.

Die Arbeit in Moers brachte zunächst die Klärung der Finanzierung. Es gelang mir, von der Heiming-Stiftung am Gymnasium Adolfinum einen namhaften Betrag zu erhalten. Den Antrag an die Europäische Union konnte ich gerade noch rechtzeitig fertig stellen. Von dort erhielten wir eine uns optimistisch stimmende Nachricht im Juni und die Förderungszusage im September. Die Suche nach weiteren Finanzierungsquellen blieb erfolglos.

Neben diesen rein organisatorischen Dingen, zu denen auch die stetige Information der Schülerinnen und Schüler und deren Eltern gehörte, stand die Arbeit an unserem Thema (s. Pkt. 2).

Im Oktober fand das Große Treffen in Arnheim statt. Ich hatte dazu nur die Fahrkarten zu besorgen und Details über den Transfer und einiger kleinerer Programmpunkte zu klären. Alles andere wurde in bewunderungswürdiger Weise von den Kolleginnen und Kollegen in Arnheim bewältigt. Während des Treffens fungierte ich bei einigen Gruppensitzungen als Moderator, in Overloon war ich, zu meiner nicht geringen Überraschung, Führer in der Abteilung Kriegsgerät und Bewaffnung, selbstverständlich in englischer Sprache.

Die Arbeit am Thema

An der Abteilung beteiligt waren die Mitglieder des Leistungskurses Geschichte, Mädchen und Jungen im Alter von etwa 17 Jahren. Die Arbeit begann im Monat Mai 1997 und dauerte bis Ende des Jahres. Die Phase der Materialsammlung zu unserem spezifischen Thema dauerte von Mai bis September. Sie fand zu einem kleinen Teil während der Unterrichtsstunde im Fach Geschichte statt; der weitaus größte Teil aber wurde während der Freizeit bewältigt. Wir benutzen zunächst die örtlichen Bibliotheken und weiteten dann unseren Horizont auf Einrichtungen in Duisburg, Essen und Düsseldorf aus. Besonders fruchtbar wies sich ein Besuch des ganzen Kurses in der Universitätsbibliothek in Düsseldorf aus. Das dort gewonnene Selbstvertrauen im Umgang mit wissenschaftlichen Katalogen der verschiedensten Art ermutigte später einzelnen Schüler zu Besuchen an der Uni Duisburg. In den Sommerferien machten sich zwei Teilnehmer auf, um in der alten Synagoge zu Essen nach Material zum Thema zu forschen. Alle Materialien sind in der beigefügten Broschüre enthalten.

Im Juni 1997 besuchte auf Einladung der Stadt eine Gruppe ehemaliger jüdischer Bürger der Stadt Moers, ihre alte Heimat. Ich hatte mit den Organisatoren des Besuches über ein Treffen mit diesen Zeugen gesprochen und es schien unter Umständen möglich, dass unsere Schüler sich mit ihnen treffen könnten. Zu unserem Bedauern kam es nicht dazu. Übergroße Zurückhaltung unsererseits, das volle Besucherprogramm der Gäste, ihr hohes Alter und wohl auch ihre schwache Gesundheit, womöglich auch Missverständnisse, führten zu diesem Verlust. Durch die Vorbereitung aber konnten unsere Schüler den konkreten Bezug des Themas zur Geschichte ihrer Stadt erfahren: Moerser Bürger wurden durch das Exil in den Niederlanden und in Großbritannien gerettet.

Im August und September versuchten einige Kursteilnehmer mittels der Einrichtungen am Adolfinum das Internet als Informationsquelle zum Thema zu nutzen. Der Erfolg blieb aber hinter den Erwartungen zurück.

Die jeweiligen Funde wurden in unregelmäßigen Abständen im Plenum des Kurses vorgestellt und erörtert. Die besonders bemerkenswerten Erkenntnisse erscheinen mir folgende:

a) Der Umfang des Exils allein in diesen beiden Ländern

b) Die Schwankungen der jeweiligen Regierungen zu den Exilanten, von scharfer Diskriminierung bis zur vollständigen Integration

c) Die ebenso unterschiedliche Erfahrung hinsichtlich der Haltung der Bevölkerung der Gastländer, von unverhohlener Ablehnung bis zu heldenhaftem Mut zur Rettung der Verfolgten

d) Die unvermeidlichen Vergleiche mit der Situation der Exilanten heute, in Deutschland und in Moers

Alle Kursteilnehmer beteiligten sich an der Arbeit, einige sehr intensiv, einige weniger. Nach meiner Einschätzung gab es vor Beginn der Arbeit keine offensichtlich rassistische Haltung unter den Jugendlichen. Ich bin sicher, dass nach diesem Projekt die Schülerinnen und Schüler in weitaus höherem Maße als andere der Versuchung rassistischer Verhaltensmuster zu widerstehen in der Lage sein werden.

Die Lokalpresse berichtete zweimal über unsere Arbeit (Dok. 3 und 4).

Das Treffen in Arnheim

Die zentrale internationale Veranstaltung fand vom 8. bis zum 12. Oktober 1997 in Arnheim statt (zum Programm s. Dok. 5).

Das Treffen in Arnheim stellt, wie auch die Arbeit in Croydon, die notwendige Ergänzung zu unserer Tätigkeit im nationalen Rahmen dar. Es zeigte uns das Problem des Rassismus in einer anderen Dimension, nämlich wie seine extremste Form, der Nationalsozialismus, sich auf unsere Nachbarn auswirkte, von diesen erfahren wurde und sich bis heute in den Beziehungen zu deutschen Nachbarn auswirkt. Ersteres wurde uns durch die Besuche in Amsterdam, im jüdischen Museum, der Stadtschowburg, dem Anne-Frank-Haus sowie im Kriegs- und Wiederstandsmuseum in Overloon und auf dem deutschen Soldatenfriedhof Ysselstein vor Augen geführt.

Besonders dieser erschütterte die Schüler aller beteiligten Nationen, findet man dort unten Tausenden Gräbern Tausende von Toten ihres Alters, aber auch die von Niederländern und anderen Staatsangehörigen, die in die Handlungen des Aggressors verstrickt waren. Letzteres, nämlich unsere Beziehungen, wurde in zahlreichen Gruppengesprächen zum Thema. Mit großer Offenheit diskutierten Niederländer, Deutsche und Briten das Thema. Schonungslos wurde die jeweils eigene rassistische ( oft kolonialistische) Vergangenheit dargestellt, sehr zum Erstaunen der deutschen Teilnehmer. Immer wurde das Bemühen der Gastgeber deutlich, uns, ihre Nachbarn, nicht als kollektiv Schuldige darzustellen, sondern vielmehr den Rassismus als ein Verhalten zu sehen, das unter gewissen Bedingungen aus ängstlichen Menschen Menschen macht, die Angst verbreiten, unabhängig von ihrer Nationalität. Die Einsicht in diese gemeinsame Gefährdung scheint mir das wesentliche Ergebnis der Konferenz für uns.

Selbstverständlich gab es viele Gelegenheiten, sich in zwangloser Weise zu treffen und sich auch mit ganz anderen Themen zu beschäftigen.

Es sollte hier nicht vergessen werden darauf hinzuweisen, dass unter den etwa 70 Teilnehmern der drei Gruppen sich Angehörige vieler Nationalitäten befanden. Es gab Niederländer, Briten, Deutsche, Türken, Kroaten, Chinesen, Griechen, Pakistaner, Inder, West-Inder und sicher noch andere Nationalitäten.

Präsentation der Ergebnisse

Die Ergebnisse unserer Arbeit am Adolfinum werden in der beigefügten Broschüre dokumentiert. Darüber hinaus organisieren wir eine Ausstellung, die auch den Arbeitsprozess verdeutlichen soll. Diese wird Anfang Mai 1998 in Moers öffentlich gezeigt werden. In diese Ausstellung integriert wird diejenige der Gruppe aus Croydon, die bereits im Februar 1998 dort gezeigt wurde (s. Dok. 6). An der Vorbereitung dieser Ausstellung hatte auch eine kleine Delegation teilgenommen.

Zum selben Termin werden wir das Video-Tagebuch vorstellen, das unsere Gruppe über die Konferenz in Arnheim hergestellt hat. Eine Kopie wird ihnen nach Produktionsschluss zugehen. Die Gruppe in Arnheim arbeitet an der Gesamtdokumentation, die in Form eines Buches erscheinen soll. Als Fertigstellungstermin ist Ende Mai 1998 vorgesehen; auch hiervon wird ihnen ein Exemplar zugehen. An den jeweiligen Präsentationen nehmen Delegationen der beteiligten Einrichtungen teil.

Fazit / Bewertung

Die Bewertung des Projektes kann nicht eindeutig ausfallen.

Sie kann nicht hoch genug sein, betrachtet man die Arbeit als ein Beispiel europäischer Zusammenarbeit im kleinen Maßstab der Kooperation dreier Einrichtungen, die gewöhnlich nicht mit solch weiträumiger Arbeit sich befassen. Dank der Vermittlung durch die Europäische Union gelang es uns, über einen Zeitraum von einem Jahr unserer täglichen Arbeit eine wahrhaft europäische Dimension zu geben. Wir suchen intensiv ein Thema, das nicht ohne weiteres einen Platz in unserem Curriculum gefunden hätte. Wir setzen eine leidvolle europäische historische Erfahrung in Zusammenhang mit der fortwirkenden und bedrückenden Erfahrung des Rassismus. Wir trafen Menschen aus mehreren europäischen Ländern und teilten ihre Erfahrungen und ihr tägliches Leben. Eine dauerhafte Beziehung der beteiligten Institutionen bahnt sich an, über die Arbeit an dem jetzt zu Ende gehenden Projekt hinaus.

Unter diesem Aspekt war das Projekt ein sehr großer Erfolg.

Betrachten wir die Wirkung nach innen und außen, kann die Bewertung aber nicht so günstig ausfallen.

Was die Innenwirkung angeht, verweise ich auf das in Abschnitt 2 dieses Berichtes Gesagte: "Nach meiner Einschätzung gab es vor dem Beginn der Arbeit keine offensichtlich rassistische Haltung unter den Jugendlichen. Ich bin sicher, dass nach diesem Projekt die Schülerinnen und Schüler in weitaus höherem Maße als andere der Versuchung rassistischer Verhaltensmuster zu wiederstehen in der Lage sein werden."

Auch hinsichtlich der Außenwirkung bin ich nicht sehr optimistisch. Es ist uns nicht gelungen, sicher mangels Erfahrung, unsere Arbeit intensiv in unsere Gemeinde zu tragen. Auf diesem Gebiet haben wir noch viel zu lernen. Aber Puplic Relations allein dürften das Problem nicht aus der Welt schaffen. Anlässlich der Abschlusskonferenz des "Europäischen Jahres gegen Rassismus 1997" im Dezember in Luxemburg berichtete das Mitglied der Europäischen Kommission, Mr. Padraig Flynn, über eine Untersuchung zu rassistischen Einstellungen unter den Menschen in der Gemeinschaft. Sein Fazit war, dass etwa 66% der Europäer sich selbst als mehr oder weniger rassistisch einschätzen. Am Ende des Europäischen Jahres gegen Rassismus ist das eine bedrückende Nachricht. Sie zeigt die Dimension des Problems , dem wir mit geringen Mitteln gegenüberstehen. Ich sehe nicht, dass wir mehr leisten konnten, als die allen Menschen offen Gegenüberstehenden in ihrer Haltung zu bestärken. Einen Rassisten zu reformieren, das dürfte uns nicht gelungen sein.

Danksagung

Viele, die wir in unserem Kurs nie gesehen haben, haben unsere Arbeit gefördert und ihnen muss gedankt werden. Ihnen wollen wir aber auch danken.

Am Gymnasium Adolfinum ist es an erster Stelle der ehemalige Schulleiter, Herr Oberstudiendirektor Bank, der unsere Arbeit förderte, unterstützte, skeptischen Kolleginnen und Kollegen gegenüber verteidigte, unser Treiben duldete, auch wenn es bisweilen den Gang des Schulbetriebes arg belastete.

Das Internet wurde durch Studiendirektor Canton und Herrn Studienrat Nolte eröffnet.

Unsere Faxe versandten Frau John und Frau Grams aus dem Sekretariat.

Die Heiming-Stiftung am Adolfinum unterstütze uns großzügig mit Geld, als wir es dringend brauchten.

Ohne die Finanzierung durch die Europäische Union hätten wir dieses weiträumige Projekt nie durchführen können. Der ISG und Herrn Marco Puxi danken wir für ihre unermüdliche Beratung, die uns den Weg durch die Bürokratie wies.

Wim Huijbrechts vom Mozaiek Colleg in Arnheim, Don Garman vom Schools Advisory Service Crydon und dem Direktor der Archbishop Tenison´s School Crydon, Richard Ford, sowie ihren Kolleginnen und Kollegen sind wir besonders zu Dank verpflichtet. Ihre Arbeit und ihr Engagement trugen das ganze Projekt bis zu seinem erfolgreichen Ende. Mit ihnen bleiben wir in Freundschaft verbunden.

Die Hauptpersonen aber waren die Schülerinnen und Schüler der beteiligten Schulen. Sie ließen sich willig aus ihrer liebgewordenen Routine reißen und erkannten, wozu sie fähig sind. Unser aller Arbeit gilt ihnen - CIVIBUS AEVI FUTURI.

Ulrich Böhme, OStR (1997)